Das bedingungslose Grundeinkommen

Das bedingungslose Grundeinkommen

1.000 Euro zur freien Verfügung

Das bedingungslose Grundeinkommen spaltet die Gemüter. Was macht es mit uns, wenn wir monatlich 1.000 Euro einfach zur freien Verfügung haben?


Wir haben mit Micha von Mein Grundeinkommen gesprochen, der genau das in der Praxis testet.


Finnlands Testphase mit dem bedingungslosen Grundeinkommen entfachte vor zwei Jahren europaweit eine Diskussion, ob dieses Konzept den Arbeitsmarkt revolutionieren könnte oder uns alle zu fauleren Geschöpfen macht. Der Gedanke, Geld von Arbeit zu entkoppeln, macht vielleicht zunächst mal Angst. Denn diesen Kausal-Zusammenhang haben wir von klein auf eingetrichtert bekommen. Vom Tellerwäscher zum Millionär. Wer hart arbeitet, verdient gutes Geld.

Tja, wenn es denn wirklich so wäre. Besonders Berufe im sozialen Bereich wie Altenpfleger oder Kindergärtner, in denen sich tagtäglich Menschen für die Gesellschaft abrackern, gibt es zu Hauf, trotzdem ist die Bezahlung dort eher schlecht.

Unser System hinkt also ohnehin. Warum dann nicht gleich komplett umdenken?




Mein Grundeinkommen

Michael Bohmeyer hat genau das gemacht. Aus einer einst gegründeten Internetfirma wurde ihm auch nach dem Ausstieg regelmäßig Geld ausgezahlt, obwohl er nicht mehr für die Firma gearbeitet hat. Er empfand diesen Moment als so befreiend, dass er anderen diese Erfahrung auch gerne ermöglichen wollte.

2014 gründete er den gemeinnützigen Verein Mein Grundeinkommen, der auf Spenden basiert. Jede*r kann dort spenden und sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen bewerben (auch unabhängig davon, ob man selbst spendet oder nicht).

Sobald 12.000 Euro zusammengekommen sind, wird eine Person ausgelost, die daraufhin ein Jahr lang 1.000 Euro im Monat bekommt. Egal, was er oder sie damit macht, weil: bedingungslos.


368 bekamen bereits das bedingungslose Grundeinkommen

Auf diesem Weg haben Micha (wie er sich bei uns selbst am Telefon vorstellt) und sein Team, das aus 31 Leuten besteht, in den letzten vier Jahren Menschen ein kostenloses Grundeinkommen organisiert. Knapp 150.000 Menschen haben sich bis jetzt bei Mein Grundeinkommen beworben. Von Kindern bis Senioren, Obdachlosen bis Beamten, sprich ein Querschnitt durch die gesamte Gesellschaft.

Und 368 von ihnen bekamen das bedingungslose Grundeinkommen. Fast alle Gewinnenden blieben mit Mein Grundeinkommen in Kontakt und berichteten danach über ihre Erfahrungen.

Die Erfahrungen sind natürlich ganz unterschiedlich, alle berichten aber, dass sie besser schlafen, ihren Job nicht kündigten, im Arbeitsalltag aber weniger gestresst waren.


Trotz eines monatlichen Zuschusses von 1000 Euro arbeiten die Gewinnenden also entweder gleich viel oder sogar mehr als vorher, machen sich dabei aber weniger Sorgen. Drei von ihnen haben sich selbstständig gemacht, ein chronisch Kranker konnte geheilt werden, weil auf einmal nicht mehr so viele Sorgen da waren, und viele weitere berichten, dass das Fehlen einer Existenzangst sie einfach freier und zu neuen Persönlichkeiten werden lässt.

Das lässt auch bei uns den dringenden Wunsch entstehen, sofort auf diese Seite zu gehen und uns selbst für ein bedingungsloses Grundeinkommen anzumelden. Aber dürfen wir das überhaupt? Sollten wir die Chance nicht lieber jemandem lassen, der das bedingungslose Grundeinkommen dringender braucht? Vielleicht. Aber eigentlich nicht, findet auch Michael Bohmeyer:

"Worum es bei dem Grundeinkommen wirklich geht ist die Bedingungslosigkeit. Dass mir eine anonyme Crowd das Vertrauen entgegen bringt, mir einfach jeden Monat Geld zu geben, ohne dass ich mich dafür rechtfertigen muss. Das ist das Revolutionäre, das ist das Neue, und das verändert das Denken." - so der Firmengründer.



Nicht auf Dauer

Einmal ausgelost, gibt es Mein Grundeinkommen nur für einen begrenzten Zeitraum von einem Jahr - das heißt nach zwölf Monaten à 1000 Euro ist das Geld weg und die Existenzängste kommen zurück? Mag sein, sagt Micha, aber der Umdenkprozess, den man in diesem Zeitraum durchlaufen hat, der bleibt erstmal, so berichten die Gewinnenden.

Das Experiment, das Mein Grundeinkommen seit 2014 testet, zeigt also, dass uns ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht fauler machen muss, sondern uns dabei hilft, den Kopf frei zu bekommen und so neue Stärken an uns zu entdecken.

Eine revolutionäre Idee, die zu funktionieren scheint. Zumindest bei den 368 Gewinnern*innen von Mein Grundeinkommen.


Für das Revolutionieren von Strukturen hat Micha übrigens ein Händchen, denn seit einiger Zeit testet der gemeinnützige Verein aus Berlin eine ebenso neuartige Firmenstruktur, in der die 31 Mitarbeiter*innen selbst entscheiden dürfen, wie viel sie verdienen, wie viel sie arbeiten und wie viel Urlaub sie machen wollen.

Zudem verzichtet das Team auf sämtliche Hierarchien - es gibt keinen Chef, der ihnen Entscheidungen abnimmt.


"Das ist ein bisschen wie beim Grundeinkommen. Das steht ja nicht nur für Geld, das ich bekomme, sondern auch für den Vertrauensvorschuss. Also statt den Menschen kontrollieren und bestrafen zu wollen, sagt es 'Hier hast du Geld, du weißt am besten wie man lebt' und genau das leben wir auch intern. Jeder darf im Prinzip alles entscheiden und dieser Vertrauensvorschuss führt zu einer großen Eigenverantwortung, wodurch die Leute tolle Entscheidungen treffen und über sich hinauswachsen." - Michael Bohmeyer

Auch diese Idee basiert natürlich auf Transparenz und Ehrlichkeit. Wenn ich ganz ehrlich bin, wie viel Geld brauche ich denn zum Leben? Für die einen sind das 1.000 Euro und die anderen eben 3.000 Euro. Je nachdem auch, in welcher Stadt man eigentlich wohnt.

Aber die Sache mit der Selbstverantwortung funktioniert bei allen Geldbeträgen.



Ein bisschen skeptisch sind wir schon, ob ein Konzept wie das von Mein Grundeinkommen wirklich in der breiten Masse funktionieren kann. Das Gespräch mit Michael Bohmeyer macht uns aber vor allem eines: Bock auf Arbeit. 

Was denkst du über alternative Arbeitskonzepte wie das bedingungslose Grundeinkommen? Erzähl's uns an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder per Whatsapp an die 089 / 360 550 460.

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