Die Über-Nutzpflanze Hanf

Die Über-Nutzpflanze Hanf

Verschwendetes Potential?

Hanf hat ein schlechtes Image, zumindest in der Industrie. Dabei hat der Rohstoff ein wahnsinnig großes nachhaltiges Potential.

Hanf geistert schon seit geraumer Zeit durch die Menschheitsgeschichte und galt in den meisten Kulturkreisen als wahre Wunderpflanze.

Zunächst wurde Hanf überwiegend zur Textilherstellung angewandt, aber auch der medizinische Nutzen der Arzneipflanze des Jahres 2018 blieb nicht lange unentdeckt. Schon der chinesische Urkaiser Shennong erwähnte Cannabis etwa 300 v. Chr. als wertvolle Heilpflanze in seinem Ackerbau- und Heilpflanzenratgeber Shennong ben cao jing. Das heißt übersetzt soviel wie "Heilkräuterklassiker nach Shennong" und ist das älteste bekannte Buch über den Ackerbau.

Auch in Europa verbreitete sich der Nutzhanf sehr schnell.

Die frühesten Funde von verarbeitetem Hanf in Europa wurden sogar in Deutschland entdeckt und sind etwa 5.500 Jahre alt. Im Mittelalter gab es dann einen regelrechten Hanf-Boom, denn aus den Fasern der Pflanze ließen sich neben Kleidungsstücken auch Segel für Schiffe und die Sehnen von Langbögen herstellen.

Aktuell spielt Hanf in der Industrie allerdings keine riesengroße Rolle.

Dabei könnte er ziemlich sinnvolle Dienste leisten - als Rohstoff für umweltfreundliches Papier zum Beispiel (nicht nur darin eingerollt).

Die Vorteile vom Hanf

Nutzhanf (der ohne oder mit sehr wenig THC) enthält nämlich viel mehr Zellulose, den wichtigsten Rohstoff zur Papierherstellung, als die meisten Baumarten. Außerdem ist Hanf angenehmer zu verarbeiten, weil er weniger sogenannte Lignin-Moleküle, die mühsam entfernt werden müssen, enthält als Holz.
Und es kommt noch besser: Weil Hanffasern länger sind als die aus dem Holz gewonnenen, ist das Papier reißfester und widerstandsfähiger. Früher wurden die wichtigsten Dinge deshalb auf Hanf festgehalten: Sowohl die Gutenbergbibel als auch erste Entwürfe für die amerikanische Unabhängigkeitserklärung sind auf Hanfpapier geschrieben.

Auch für die Bauwirtschaft, die Textil- und sogar die Automobilindustrie sind Hanffasern mehr als geeignet.

Egal ob als haltbares und schädlingsresistentes Dämmmaterial, als angenehm zu tragender Stoff oder Bio-Futter für Tiere, Hanf macht sich verdammt gut. Sogar das Autofahren macht Hanf sicherer: Anteile im Kunststoff verhindern zum Beispiel auch, dass bei einem Unfall Plastik scharfkantig splittert.

Hanf könnte auch Bienen vorm Aussterben bewahren.

Nicht nur die Menschen hätten einen unmittelbaren Nutzen von intensiverem Hanfanbau. New Yorker Wissenschaftler*innen haben jetzt nachgewiesen, dass 16 verschiedene Bienenarten auf Hanf besonders abfliegen. Auf männlichen Hanf, um genau zu sein. Das ist insofern ungewöhnlich, weil dieser im Gegensatz zu den weiblichen Pflanzen (die, die man auch rauchen kann), weder mit Blüten, noch mit süßem Nektar lockt. Dafür produziert männlicher Hanf ziemlich große Mengen an Pollen, auf die es die Tierchen abgesehen haben. Berauscht werden die Bienen beim Naschen übrigens nicht - dafür fehlen ihnen entsprechende Rezeptoren.

Bienenrettung ist außerdem nicht nur aus Tierschutzperspektive sinnvoll: Der volkswirtschaftliche Nutzen von Bienen beträgt laut Expert*innen weltweit rund 65 Milliarden Euro jährlich.

In Deutschland, wo mehr als die Hälfte aller Bienenarten auf der Roten Liste der gefährdeten Arten steht, könnte Hanf eine geeignete Lösung sein. Vor allem, weil Hanf so einfach zu unterhalten ist - der Anbau benötigt weder viel Wasser, noch Pestizide. Überhaupt wächst männlicher Hanf wie Unkraut... Moment... Wenn Politik und Industrie nicht reagieren, sind wohl Hanf-Seed Bombs genau das, was die Welt braucht! Nur so eine Idee...

Hanf als Nahrungsergänzungsmittel

Auch für Veganer*innen ist Hanf eine interessante Pflanze: Dem Bundeszentrum für Ernährung zufolge enthalten seine Samen alle essentiellen Aminosäuren und sehr viel Eiweiß, das als vollwertiger Ersatz für tierisches Eiweiß angesehen werden kann. Zudem sind sie reich an verschiedenen Vitaminen und enthalten Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren, die sonst vor allem in Algen und Fisch vorkommen.



Wieso also wird Hanf nicht viel mehr genutzt?

Das liegt wohl auch an dem negativen Bild, das viele mit der Pflanze und ihren Produkten verbinden - in Deutschland war der Anbau der Pflanze zwischen 1986 und 1992 komplett verboten. Und das, obwohl man die meisten Sorten der Pflanze gar nicht rauchen kann. Jedenfalls nicht, wenn man sich einen beglückenden Mehrwert davon erwartet.
Zwar sind Pflanzen mit geringem THC-Gehalt seitdem erlaubt, lange wurde aber der Anbau anderer Pflanzen, wie zum Beispiel der von Mais, staatlich stärker gefördert. Für Bauern war Hanf schlicht weniger lukrativ.

Daher kommt es auch, dass Hanf heute viel teurer als Holz oder herkömmliche Dämmstoffe ist - man ist im Anbau immer noch auf Handarbeit angewiesen.

Obwohl Hanf als Rohstoff also ziemlich viel könnte, spielt er momentan vor allem in Nischenmärkten eine Rolle: in technischen Filtern, Banknoten und in Zigarettenpapier (und ja, auch dazwischen eingerollt).

Schade - jetzt, wo wir die ganzen Vorteile der Pflanze kennen...

Design ❤ Agentur zwetschke