Gewalt an Frauen: Die Angst, die Wut, die Ohnmacht

Gewalt an Frauen: Die Angst, die Wut, die Ohnmacht

Was die Gesellschaft und Cis-Männer nun machen können

Von  Anna Taylor
Ein Instagram-Post mit einer einfachen Message geht viral. Weil er treffend für die Angst steht, die weiblich gelesene Personen haben: Die Angst, nicht mehr zu Hause anzukommen.

Der Mord an Sarah Everard

Am 3. März 2021 um 21:30 Uhr sieht die Welt das letzte Mal die Londonerin Sarah Everard lebendig. Ab dann ist es still. Ab dann ist es dunkel. Eine Woche später findet man ihre Überreste knapp 60 Kilometer entfernt in einem Waldstück in Kent. Zu sagen, die Welt wäre fassungslos, ist nicht ganz akkurat. Wut trifft es viel mehr - Wut darüber, dass jede weiblich gelesene Person die Angst kennt, wovor Politik und Gesellschaft ihre Augen verschließen.

Die Tat ist nämlich leider nicht überraschend, die Tat ist das, womit viele von uns schlichtweg rechnen müssen.

Denn Sarah Everard hat nichts anders gemacht, als knapp die Hälfte der Weltbevölkerung: Sie ist eine Frau, die eines nachts nach Hause läuft - nur, dass sie nie dort angekommen ist. Es hätte jede andere Frau treffen können. Es kann jede Frau auch noch treffen.

Ein Instagram-Posting fasst die Gedankenspirale, in der sich viele von uns nun befinden, treffend zusammen - und geht dementsprechend mit millionenfachem Zuspruch um die Welt:


Unter dem Bild beginnt Lucy Mountain ihren ergreifenden Post mit folgenden Worten:
"Ich weiß gar nicht, wie ich das ausdrücken soll, weil ich das Gefühl habe, dass meine Worte nicht dem gerecht werden können, wie viele Frauen sich gerade fühlen.
Ich kann nicht aufhören, an Sarah Everard zu denken und daran, wie eine Frau nicht nach Hause gehen durfte. Es ist unerträglich."
- Es ist unerträglich, weil Sarah Everard dem zum Opfer gefallen ist, was Frauen selbst jedes Mal auf dem nächtlichen Heimweg befürchten. Denn, wie es Lucy Mountain weiter auf den Punkt bringt: Für weiblich gelesene Personen ist es mehr als normal, sich aus Angst nachts auf der Straße auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten und bestimmte Arten und Weisen zu entwickeln, um sich sicherer zu fühlen.
"Wir haben alle unsere Live-Standorte geteilt.
Wir haben alle unsere Schuhe gewechselt.
Wir haben alle unsere Schlüssel zwischen unseren Fingern gehalten.
Wir haben alle echte und falsche Anrufe getätigt.
Wir haben alle unsere Haare in unsere Mäntel gesteckt.
Wir sind alle dunkle Straßen entlang gelaufen.
Wir haben alle unsere Fluchtwege theoretisiert. "
- Lucy Mountain

Bingo. Alle Punkte schon mal erledigt.

Wir teilen unsere Standorte, telefonieren mit Familienmitgliedern oder Freund*innen oder sogar einfach nur zum Fake, um nicht angesprochen zu werden - während unsere Sinne scharf auf unser Umfeld ausgerichtet sind. Wir hören keine Musik, die uns von den Geräuschen um uns herum ablenken könnten. Wir versuchen stets eine Fluchtroute vor dem inneren Auge zu haben, während der Kopf ständig die gleichen Fragen abrattert: Steht jemand hinter der Ecke, die ich gleich passiere? Ist mein Haar so in den Pulli gesteckt, dass man es nicht greifen kann? Wo ist mein Schlüssel - ich muss ihn mir zwischen die Faust klemmen. Wer ist hinter mir? Folgt mir jemand? Was mache ich, wenn sich die Person vor mir umdreht und mir entgegenläuft? Wer hört, wenn ich schreie? Wer kann mir helfen?



Ich lehne mich nicht weit aus dem Fenster wenn ich sage: Jeder Mensch auf dieser Welt kennt genau diese Gedanken und Vorkehrungen oder zumindest eine Person, die das genau nachvollziehen kann. Wenn du es nicht bist, dann deine Freundin, deine Tochter, deine Schwester, deine Chefin, deine Mutter, deine Nachbarin.

Jede zweite Frau wurde schon mal belästigt

Einer Untersuchung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend nach haben in Deutschland...:

  • ...58 Prozent der Befragten unterschiedliche Formen von sexueller Belästigung erfahren
  • ...42 Prozent aller befragten Frauen Formen von psychischer Gewalt wie systematische Abwertung, Demütigung, Ausgrenzung, Verleumdung, schwere Beleidigung, Drohung und Psychoterror erlebt
  • ...37 Prozent aller befragten Frauen körperliche Gewalt seit dem 16. Lebensjahr erlebt
  • ...13 Prozent der befragten Frauen seit dem 16. Lebensjahr sexuelle Gewalt erlitten
  • ...insgesamt also 40 Prozent der befragten Frauen körperliche oder sexuelle Gewalt oder beides seit dem 16. Lebensjahr erlebt

Wie gesagt: Du kennst auf jeden Fall eine betroffene Person.

Dabei ist das eine ziemliche Dunkelrechnerei, denn nicht jede Belästigung wird angezeigt.



"Men are afraid that women will laugh at them. Women are afraid that men will kill them." - Margaret Atwood

Seit dem Fall von Sarah Everard kreisen meine Gedanken um das eine Zitat von Margaret Atwood. Doch während ich diese Worte so unheimlich treffend finde, höre ich vor meinem inneren Ohr gleichzeitig in Dolby Surround: "NiChT aLLe MäNnEr!!!!!", "DaS iSt RuFmOrD!!!!!" oder "MäNnEr WeRdEn GeNaUsO uMgEbRaChT!!!!" Immerhin trendet wann immer Anschuldigungen an einen cis-männlichen Täter die Runde auf Social Media machen, mehr oder weniger zeitgleich das Hashtag #NotAllMen auf Twitter. Wir wissen es. Darum geht es nicht. Es geht schlichtweg darum, dass es #TooManyMen sind.

Das Problem mit #NotAllMen

Die YouTuberin Kristina Maione hat das ziemlich simpel erklärt, dass es jeder Mensch verstehen sollte:

Natürlich sind nicht alle Cis-Männer Täter. Genauso wenig wie alle Zecken Borreliose in sich tragen, mit der sie uns infizieren können.

Doch wenn du eine Zecke eingegraben in deinen Körper entdeckst, sagst du dann gelassen: "Easy, nur je nach Region und Entwicklungsstadium sind in Deutschland nur fünf bis 35 Prozent mit Borreliose infiziert"? Nein. Du wirst recht wahrscheinlich panisch, versuchst die Zecke sauber zu entfernen, frischst deine FMSE-Impfung gegebenenfalls auf und lässt die Bissstelle circa zwei Wochen nicht aus den Augen, um sofort aktiv zu werden, wenn sich ein roter Kreis um die Wunde bildet. Wenn du dann nochmal glimpflich davongekommen bist, wirst du dir sicherlich in Zukunft Gedanken machen, wie du dich vor Zecken schützen kannst - und zwar vor allen Zecken.

Ungefähr so ist es eben auch mit der Angst, einem Cis-Mann zum Opfer zu fallen. Denn wie weiter oben bereits ausgeführt, erlebt jede zweieinhalbste weiblich gelesene Person in ihrem Leben mindestens einmal sexualisierte Gewalt. Das reicht, um alles andere als bedenkenlos nachts nach Hause zu spazieren.

Auch wenn nicht jeder Mann ein Täter ist, kann der eine, der dich um dein Leben bringt, trotzdem an der nächsten Ecke eine Kippe rauchen.


Die Künstlerin Lily O'Farrell verbildlich Maiones Worte, dass es wirklich wirklich einfach zu verstehen ist:


Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

Ein Beitrag geteilt von Lily O’Farrell (@vulgadrawings)




Was die Gesellschaft tun muss

Dabei ist es eigentlich so einfach. Lucy Mountain bringt es wieder mal sehr simpel und verständlich auf den Punkt, was jetzt zu tun ist:
"Hört auf, Frauen zu belästigen.
Hört auf, Frauen die Schuld zu geben.
Und hört auf, Frauen mit dem Taten mancher Männer zu belasten."
Das, und nichts anderes.

Die Londoner Polizei aber hat eine andere Möglichkeit im Kopf:

Frauen sollen wenn's dunkel ist halt einfach zu Hause bleiben. Problem gelöst. Denn: Wenn keine weiblichen gelesenen Personen mehr nachts auf die Straße gehen, können sie kein Opfer männlicher Gewalt werden. 

Nein. Um das einmal klipp und klar zu sagen: Das ist natürlich keine Lösung. Das ist hässliche Diskriminierung. Mich wundert hier ehrlich gesagt auch, dass die britische Polizei absolut nichts aus der Vergangenheit gelernt hat. Ich denke an den Yorkshire Ripper. Der Serienmörder tötete zwischen 1975 und 1980 mindestens 13 Frauen. Sieben weitere kamen mit einem Schrecken und teils lebensgefährlichen Verletzungen nochmal davon. Anfangs fokussierte er sich bei seiner Opferwahl auf Sexarbeiterinnen, mit der Zeit aber machte er keinen Unterschied mehr zwischen Beruf, Herkunft oder Alter. Jede Frau hätte das nächste Opfer sein können. Jede. Während die Polizei fünf Jahre lang unfähig war, den Täter zu fassen, fiel auch damals der Vorschlag, als Frau einfach nicht mehr nachts das Haus zu verlassen. Oder - und hier wird es noch absurder / trauriger - nur noch in Begleitung eines Mannes unterwegs zu sein. Die Reaktion war groß. Aufschrei. Protest. Frauen haben sich das nicht gefallen lassen.

Nun scheint es sich in gewisser Weise zu wiederholen. Der mutmaßliche Täter ist zwar bereits festgenommen und die Frau, die ihm mutmaßlich geholfen haben soll, wurde ohne Anklage wieder freigelassen, protestiert wird trotzdem - denn die Gefahr an sich ist nicht aus der Welt. Aus Anteilnahme legen Hunderte Menschen Blumen oder Kerzen vor dem Musikpavillon in Clapham. An den Ort, wo Sarah Everard das letzte Mal gesehen wurde. Selbst die Herzogin Kate legt einen Strauß nieder. Doch schon am Samstagabend eskaliert die Situation: Die Polizei greift ein. Der Grund: Hygieneregeln. Immerhin wurde die Menschenmasse über den Tag hinweg bis zum Abend immer größer. Denn obwohl die Organisator*innen der Kampagne #ReclaimTheStreet eine angesetzte Demo ins Netz verlegt haben, haben sich trotzdem noch einige Protestant*innen zum Demonstrieren beim im Clapham Park eingefunden. Das rechtfertigt meiner Meinung nach aber nicht wirklich das grobe, brutale Vorgehen der Polizei, die Frauen auf den Boden gedrückt und anschließend gewaltsam abgeführt haben.

Was für eine Shitshow.

Immerhin sollte es um eine selbstverständliche Sache gehen: Sichere Straßen in der Nacht für alle.



Ein Leitfaden, was Cis-Männer tun können

Jedes Mal, wenn etwas in diese Richtung passiert, beobachte ich das gleiche Happening: Die Insta-Story brennt mit Aufrufen zur Vorsicht, mit Erfahrungsberichten, mit Aufmunterung, wie Cis-Männer es besser machen müssen - hauptsächlich von weiblich gelesenen Personen. In meiner Bubble waren es genau zwei Cis-Männer, die das Bild von Lucy Mountain geteilt haben. Zwei. Das geht so nicht. Immerhin ist es so, wie ich schon mal geschrieben habe: Es ist schlichtweg für die Sicherheit deiner engsten Bekannten, also deiner Schwester, deiner Mama, deiner besten Freundin oder oder oder oder. 

Wir Frauen wissen schon seit klein auf, welche potenzielle Gefahr von Cis-Männern ausgeht.

Wir haben selbst schon eigene Erfahrungen gemacht - wenn nicht selbst, dann über Freund*innen. Wir haben kein Problem der Awareness oder der Anteilnahme. Das Problem sind die Verursachenden: Cis-Männer. Und genau die müssen sich dafür einsetzen, dass das Bewusstsein in den eigenen Kreisen steigt.

Wie das gehen soll? Kümmer dich erstmal um deine Kumpels.

  • Schreite sofort ein, wenn einer mal wieder sowas sagt wie: "Boah, die schleppe ich heute noch ab (ob sie will oder nicht)".
  • Achte darauf, dass sie niemanden bewusst abfüllen.
  • Lass keine sexistischen Witze oder Äußerungen mehr durchgehen. Auch nicht, wenn ihr "nUr UnTeR eUcH sEiD".
  • Sei kritisch - selbst deinen eigenen Bros gegenüber.

Was du selbst als Mann nachts auf der Straße machen kannst

Falls du zu der Sorte gehörst, die denkt der nächtliche Nachhauseweg könnte der Start einer ganz großen Liebesromanze sein: nein. Einfach nein. Lass weiblich gelesene Personen einfach in Ruhe und gib ihnen höchstens das Gefühl, keine Gefahr zu sein. Denn natürlich kannst du es nicht vermeiden, irgendwann selbst mal nachts auf der Straße einer Frau zu begegnen, du kannst aber einiges tun, dass sie sich nicht unwohl oder bedroht fühlt:
  • Bestenfalls vermeidest du Augenkontakt ganz, aber auf jeden Fall solltest du dir verkneifen zu starren. Voll egal ob das die schönste Person ist, die du je gesehen hast.
  • Lass weiblich gelesenen Personen nach dem Aussteigen aus der Bahn/ dem Bus einen guten Vorsprung, gerade in Unterführungen.
  • Telefonier selbst - ob fake oder real, Jacke wie Hose.
  • Wenn du unbedingt überholen musst, dann bitte mit einem großen Bogen.
  • Am besten wechselst du eh die Straßenseite.
  • Das Wichtigste: Geh auf jeden Fall dazwischen, wenn du einen Fall von sexueller Belästigung mitbekommst.
Auf TikTok wurden neulich unter einem Posting ein paar Möglichkeiten ausgetauscht - ein paar davon sind sogar etwas witzig:


Doch selbst wenn du all das als Cis-Mann machst und berücksichtigst: Erwarte bitte keinen Applaus.

Das ist das Allermindeste, was du tun kannst. Wir können die Messlatte für gute Cis-Männer immerhin nicht so niedrig halten, dass man nicht mal mehr Limbo damit tanzen kann.




Hilfe und Anlaufstellen

Wenn du selbst Opfer bist und es dir schwerfällt, dich an eine Vertrauensperson zu wenden, sind die Menschen beim Hilfetelefon für dich da: Unter der Telefonnummer 08000 116 016 sowie online werden dort alle Betroffene unterstützt - 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr. Anonym und kostenfrei.




Begriffserklärung

Cis-Mann beziehungsweise Cis-Frau

Ein Cis-Mensch ist ein Mensch, dessen Geschlecht, das ihm bei der Geburt zugewiesen wurde, mit der aktuellen Geschlechtsidentität übereinstimmt. Ein Cis-Mann ist also zum Beispiel ein Mensch mit männlichen Geschlechtsteilen, der sich auch aktuell noch als Mann identifiziert.

Weiblich gelesene Person

Nur von Frauen bei sexualisierter Gewalt zu sprechen, schließt nonbinäre Menschen (diese identifizieren sich weder mit dem männlichen, noch dem weiblichen Geschlecht und befinden sich damit außerhalb der binären Einteilung) und intersexuelle Personen (tragen Elemente beider Geschlechtsteile in sich, identifizieren sich aber nur mit einem) aus.
Alternativ können wir bei "weiblich gelesener Person" auch den Begriff FLINT benutzen, was Frauen, Lesben, inter, non-binary und trans zusammenfasst.

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