Meinung: Sojaschnitzel und Veggieburger

Meinung: Sojaschnitzel und Veggieburger

Über die Gefahren im Supermarkt

Im Oktober hat das EU-Parlament zwar beschlossen, dass vegane/vegetarische Produkte auch in Zukunft Schnitzel, Burger oder Wurst heißen dürfen – voraus ging allerdings eine jahrelange Debatte über die potentielle Gefahr der Irreführung für Verbraucher*innen, wenn pflanzliche Alternativen (ähnlich) wie das Original heißen.


Ist das Fleisch oder kann das weg?

Die ganze Debatte fing schon 2017 an: Damals hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) beschlossen, dass rein pflanzliche Produkte nicht mit den Worten "Butter", "Milch", "Käse", "Rahm" oder "Joghurt" vermarktet werden dürfen. Sojamilch darf also seitdem nicht mehr Sojamilch heißen - stattdessen gibt's jetzt Sojadrink. Grund dafür: Bezeichnungen wie Milch oder Käse sind Produkten vorbehalten, die aus "normaler Eutersekretion" hergestellt werden. Soweit, so yummy.

Erdnussbutter, Kokosmilch oder Leberkäse können natürlich weiterhin so heißen (obwohl da in der Regel auch kein Eutersekret drin ist) - Dafür gibt's eine Liste mit Ausnahmen. Um diese Ausnahmen zu checken sind die Verbraucher*innen anscheinend gerade noch klug genug. Bei den anderen Produkten ist die Gefahr einfach zu groß, dass aus Versehen was gekauft wird, wo gar kein Tier drin ist. 

Ok, ich hau mir statt Hafermilch jetzt Haferdrink in den Kaffee - case closed. 


Aber nix da, zu früh gefreut. Denn es gab ja noch "Käse Alternativen" oder "veganen Streukäse mit Käsegeschmack" - UND DA SIND JA DIE VERBOTENEN WÖRTER ENTHALTEN. Einerseits denkt man da vielleicht "logisch, eine Alternative zu tierischen Produkten, steht ja da" andererseits gab es natürlich riesige Verwirrung wegen dem Wort "Käse" - ich versteh's ja, es ist einfach so verwirrend! Deswegen sind seit Oktober 2020 jetzt auch Bezeichnungen wie [hier eins der verbotenen Worte einfügen] + -geschmack, -ersatz, Art oder dergleichen verboten. Können wir dann also endlich wieder gefahrlos einkaufen gehen? Fast. 

Das war nicht das Einzige, worüber die EU-Abgeordneten in diesem Oktober entscheiden mussten. 


Die Frage war: Dürfen Veggieburger, Sojaschnitzel und vegane Steaks noch so heißen?

Ja, heißt es hier immerhin mit 379 von 690 Abgeordnetenstimmen. Entgegen der Befürworter*innen des Bezeichnungsverbots besteht anscheinend keine Verwechslungsgefahr bei diesen veganen/vegetarischen Produkten. Puh! 

Aber sowieso: Was bedeutet Schnitzel oder Steak denn eigentlich? Hat das überhaupt was mit Fleisch zu tun?

Eigentlich nicht, nö. Schnitzel heißt ursprünglich nur, dass Teile aus einem ganzen herausgeschnitten wurden (mittelhochdeutsch "sniz" für "etwas schneiden") - das merkt man ja auch bei Worten wie Holzschnitzel. Und Steak kommt eigentlich vom altnordischen "stejk" was einfach nur "etwas braten" bedeutet. 

Fleischtomaten, Meeresfrüchte, Scheuermilch, Leberkäse - alles kein Problem. Und nicht mal Schnitzel ist ein Wort, das nur für Fleischprodukte gedacht ist. Also genug mit der Wortklauberei: Was steckt dann hinter den Bezeichnungsverboten?


Der Verdacht liegt nahe, dass gar nicht die potentielle Irreführung der Verbraucher*innen Grund für das teilweise gewünschte Bezeichnungsverbot ist, sondern viel mehr die Fleischindustrie, die ein Problem damit hat, dass vegane/vegetarische Alternativen immer beliebter werden. Denn Gundula greift vielleicht einfach mal gerne zu "Veggieburgern", um mal was fleischloses auszuprobieren, wüsste aber weniger, was sie mit einer "Soy Disc" (was ein ernstgemeinter Gegenvorschlag als Alternativbezeichnung war) anfangen soll. 

Klar auch manche Veganer*innen/Vegetarier*innen wollen keine vegane Wurst auf ihrem Brot oder finden es einfacher, ihren Kindern zu erklären, dass sie Erbsenaufstrich auf ihrer Stulle haben, als zu sagen, dass es sich um vegane Leberwurst handelt – aber um ehrlich zu sein: 

Ich nehme es gerne in Kauf, dass sich Veganer*innen denken "Manno, ich will eigentlich keine 'Wurst', warum heißt es nicht nur Erbsenaufstrich. Na ja, anyways", wenn es dafür Fleischesser*innen/Flexitarier*innen oder whatever gibt, die sich denken "oh diese Leberwurst ist vegan aber sieht genauso aus wie die 'normale'? Vielleicht schmeckt die auch ähnlich - I'll give it a try."

Und nehmen wir jetzt wirklich mal an, Werner steht im Supermarkt, checkt nicht, dass die vegane Käsealternative aus Cashews mit dem Vegan-Logo kein Eutersekret enthält und kauft die Packung - Was dann? Im schlimmsten Fall schmeckt's ihm vielleicht und er kauft es beim nächsten Mal wieder - welch ein Graus! (Außer natürlich für die Fleischindustrie, für die ist das eben tatsächlich doof...)

Aber überhaupt: Andersrum ist das ganze doch viel verwirrender!

In Gemüsefrikadellen ist manchmal Fleisch, in Gemüsesuppe können Speckwürfel sein und in jedem zweiten Produkt ist Milchpulver oder irgendetwas anderes Tierisches enthalten, was da nichts verloren hat. Ganz zu schweigen von den Aromen, die noch nicht mal Kennzeichnungspflichtig sind oder den Etiketten, die mit nicht veganem Kleber befestigt werden. Das, mein sehr verehrtes Publikum, ist verwirrend! Und das ist nur der Anfang:

Wirklich irreführende Dinge in der Lebensmittelbranche

Kühe auf saftigen grünen Weiden, Hühner die fröhlich im Freien ihre Körnchen picken oder sogar Schweine, die im Anzug vor dem Metzgerladen stehen und sich fröhlich selbst eine Rippe rausschneiden. Und mit den Inhaltsstoffen von Produkten fangen wir besser erst gar nicht an, oder kennst du zufällig grade alle über 58 Namen für Zuckerzusätze?

Ich bin ja nicht mal so radikal und sage, dass Fotos von Schlachthöfen auf die Fleischpackungen gedruckt werden sollen, aber wie wär's denn einfach mit einer einheitlichen und sofort ersichtlichen Kennzeichnung? Vegan, vegetarisch oder mit dem jeweiligen Tier, das enthalten ist. Und wenn wir schon dabei sind gleich noch rot, orange und grün für den Zucker- und Fettgehalt. Fertig.

Dann wird keine*r mehr getäuscht, niemand muss aus Versehen leidfreies Essen konsumieren und alle Menschen können endlich wieder gefahrlos und angstfrei einkaufen gehen. What a wonderful world this would be.

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